Kufsteinerland

200. Geburtstag von Dr. Matthäus Hörfarter

Pfarrer, Dekan, leidenschaftlicher Erzieher und Volksbildner sowie Tourismuspionier und Bergsteiger

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Dr. Matthäus Hörfarter

Einheimische und Gäste durch Kufstein zu führen bereitet mir immer eine besondere Freude. Kufstein, die 2.größte Stadt von Tirol und Bezirkshauptstadt bietet eine unwahrscheinliche Vielfalt von historischen Ereignissen, bemerkenswerten Persönlichkeiten sowie zahlreiche, einzigartige Top-Spots. Umgeben von herrlicher Natur, weltberühmt als „die Perle Tirols am grünen Inn“ und überthront von der imposanten Festung, die bereits von weitem die Gäste in ihren Bann zieht. Heute gilt meine ganz besondere Wertschätzung dem ehemaligen Dekan und Stadtpfarrer Dr. Matthäus Hörfarter, der für Kufstein und die umliegende Region sehr viel, speziell für die Schulbildung und Tourismus, bewirkt hat. Folgen wir seinen hinterlassenen Spuren.

Die Bildungssituation in der Stadt um 1850

Damals herrschte noch die Meinung, sogar vom amtierenden Minister für Cultus und Unterricht, dass die Bildung der „Massen“ nicht ratsam sei. Zu dieser Zeit gab es in Kufstein eine einzige Schulstube, wo ein Lehrer 90 und mehr Kinder unterrichtete. 1803 wurde dann eine Filialschule in Zell errichtet. Die Sparchner suchten bereits 1797 um eine eigene Schule an, bekamen aber keine Zusage, weil der vorgeschlagene Lehrer, der Eremit, seine Kutte nicht gegen „Zivilkleidung“ tauschen wollte. Man genehmigte den Gutsbesitzern von Sparchen, auf dem „Kaiserberge und Aichelwang“ sich selber einen Lehrer zu beschäftigen und auch zu bezahlen. Doch so groß war dann der Bildungseifer der Gutsbesitzer nicht. 1825 wurde die Kufsteiner Schule zweiklassig (man teilte den Raum mit einer Bretterwand ab).
Erst 1828 bekam man ein eigenes zweites Klassenzimmer im Rathaus. Interessant ist auch eine Verordnung bezüglich Schulhygiene. 1837 kam folgende Verordnung heraus: „Nach jedesmalig abgehaltener Schule eine Viertelstunde die Zimmerthür und ein entgegenstehendes Fenster zu öffnen sowie durch öfteres Abbrennen einer Wacholderflamme eine gedeihliche Lufterneuerung zu unterhalten.“
Ab 1852 trennte man Buben und Mädchen. Die 3 Mädchenklassen wurden von einer weltlichen Lehrerin und zwei Schulschwestern unterrichtet.

Wer war Dr. Matthäus Hörfarter?

Er war ein kränklicher Bauernsohn ( Aignerbauer ) aus Kössen, geboren am 11.9.1817. Wegen seiner schwächlichen, körperlichen Konstitution eignete er sich nicht für die „harte Bauernarbeit“. Er wurde von der Kirche in Bildungsobhut genommen und durfte das Franziskanergymnasium in Hall besuchen um Geistlicher zu werden. Nach einigen Studienumwegen (Innsbruck-Theologie und Wien-Medizin) wechselte er in das Priesterseminar nach Salzburg, wo er 1843 zum Priester geweiht wurde. Seinen ersten Seelsorgedienst absolvierte er in Mittersill. 1850 trat er eine Stelle als Privatlehrer an im Hause des Fürsten Löwenstein-Werthheim in Deutschland. 1852 bis 1853 verbrachte er in Rom und erlangte dort sein Doktorat. 1953 erhielt er an der Universität in Salzburg den neuen Lehrstuhl für Metaphysik und Fundamentaltheologie. Als überzeugter Anhänger der Philosophie des liberalen Reformkatholiken Anton Günther musste er diesen Prestigeposten nach 6 Jahren wieder verlassen und übernahm 1859 das weit weniger wichtige Amt des Stadtpfarrers und Dekans in Kufstein. Für Kufstein erwies sich diese Postenbesetzung als wertvolle Bereicherung der Stadtentwicklung. Der liberale Hörfarter war zu diesem Zeitpunkt genau der richtige Mann.

Hörfarter übernahm somit auch die Leitung und Aufsicht der Kufsteiner Schule. Mit den Kufsteiner Bürgermeistern Johann Stenzl und Anton Kink hatte er verständnisvolle Partner an seiner Seite um umgehend seine pädagogischen Reformen durchzuführen.

Mit deren Unterstützung gelang es ihm im Rathaus mehrere Klassenzimmer zu bekommen, weitere Lehrer anzustellen und diese auch besser zu bezahlen. Er unterrichte selbst Botanik, führte die Schulfächer Geographie und Naturgeschichte (wegen Landwirtschaft) ein und Bürgermeister Johann Stenzl unterrichtete Chemie und Mineralogie. In Kürze erreichte die Kufsteiner Schule den besten Stand in ganz Tirol!

Ab 1869 unterlag die Schulaufsicht wieder dem Staat, aber Hörfarter blieb weiterhin geschätzter Religionslehrer und Berater sowie Obmann seines Volksschulvereins. Er kümmerte sich um Fortbildungskurse. Hier setzte er sich besonders für die Hebung der Frauenbildung ein. Er war durch und durch leidenschaftlicher Erzieher und Volksbildner.

Hörfarter und „sein Kindergarten“

Ein weiteres Vorzeigeprojekt war sein Kindergarten, den er am 7.Oktober 1870 im Wildhaus am Kienbichl eröffnete und mit seinem eigenen privaten Geld finanzierte. Für ihn stellte sein Kindergarten ein Institut der Erziehung im Vorschulalter dar und nicht eine Bewahranstalt. 1872 schloss er eine Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen an und baute für beide Einrichtungen ein eigenes Haus. Diese Kindergärtnerinnenschule (er schrieb selbst die Lehrpläne) war lange Zeit die Einzige in der Monarchie Österreich und versorgte zahlreiche Kindergartenneugründungen mit geprüften Kindergärtnerinnen. Weiteres wurden landesweit zahlreiche Nonnen Jahr für Jahr von ihren Oberinnen zur Ausbildung in Hörfarters Ausbildungsstätte am Kienbichl geschickt.

Als die Schülerzahlen zwischen 1860 und 1880 von 189 auf 369 in der aufstrebenden Bürgerstadt anstiegen, mussten viele Klassen in Privathäuser ausgelagert werden. Also setzte sich Hörfarter erneut mit all seinem Einfluss für einen Schulneubau beim Bürgerausschuss ein. Am 29.September 1879 kam es dann zur feierlichen Einweihung des ersten Kufsteiner Schulhauses am Oberen Stadtplatz. Fast gleichzeitig tauchte der Wunsch nach einer Unterrealschule auf. Wieder war Hörfarter mit vollem Elan dabei diesen Wunsch in die Wege zu leiten. Hörfarter erlebte zwar die Eröffnung der Staatsrealschule am 25.9.1907 nicht mehr, aber sein enthusiastischer Einsatz für die Bildung der Kufsteiner Bevölkerung lebt weiter und er hätte wahrscheinlich die größte Freude daran zu sehen wie sich Kufstein als Schulstadt rasant weiterentwickelt hat!

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Die Volksschule Kufstein.

Aber nicht nur die Schulbildung lag ihm am Herzen

Er zeichnete sich auch als hervorragender Tourismuspionier aus. Schon während seines Salzburger Aufenthaltes widmete er sich begeistert dem Bergsteigen. Kaum in Kufstein angekommen bestieg er 1860 mit einem einheimischen Gämsjäger das Sonneck im Wilden Kaiser und forcierte das Anlegen von Steigen und Wanderwegen. Er gründete 1877 den Alpenverein, Sektion Kufstein. Als Vorstand des Vereins leitete er auch die weitere Erschließung des Kaisergebirges.

Die Reiseschriftsteller Ludwig Steub (1812 – 1888) und Heinrich Noe`(1835 -1896) weckten mit ihren Reise- und Wanderbüchern die Neugierde für unsere Tiroler Gegend. Stadtmüdigkeit und Naturhunger lockten die Leute in die „Sommerfrische“. Durch die Einführung der Eisenbahn von München bis Innsbruck 1858 war es für die Stadtleute einfach Kufstein und die faszinierenden Gebirgsketten des Wilden und Zahmen Kaisers zu besuchen.
Dekan Hörfarter war der Erste in Kufstein, der den positiven, wirtschaftlichen Charakter des aufstrebenden Fremdenverkehrs erkannte.Er gründete den Verschönerungsverein der Stadt Kufstein und weitblickend wie er war, sorgte er auch dafür, dass neue Spazierwege angelegt wurden. Bäume und Alleen entlang des Stadtberges und des Kienbühels wurden gepflanzt. In visionärer Voraussicht baute man bereits 1875/76 das Bad Kienbergklamm. Kufstein gewann dadurch prominente Gäste und konnte seinen Ruf als „Luftkurort“ erweitern. Dies wirkte sich sehr positiv auf die Gastronomie aus. Die steigende Zahl der „Sommerfrischler“ ermöglichte eine Modernisierung des bestehenden Gastgewerbes.

Am 24.1.1877 gelang es Hörfarter mit 37 Mitglieder, darunter sämtliche Prominenz der Stadt, die Alpenvereinssektion Kufstein zu gründen. Die Aufgabe des Alpenvereins war es die Bereisung der Alpen zu erleichtern und die Kenntnis der Alpen in Österreich und Deutschland zu vergrößern. Die Verbesserung des Bergführerwesens, die Herstellung und Verbesserung von Verkehrs- und Unterkunftsmitteln und das Organisieren von Zusammenkünften sowie Weiterbildung waren die Hauptziele des neuen Vereins. Bereits 1878 wurde mit der Erschließung des Wilden Kaisers begonnen.

Sein Denkmal wurde bereits 1899, 3 Jahre nach seinem Tod bei der Kufsteiner Pfarrkirche aufgestellt um auch die Nachwelt an sein vorbildhaftes Wirken in Kufstein zu erinnern.

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Bad Kienbergklamm

Quellen für Text und Fotos:

Franz Biasi „Kufstein – 600 Jahre Stadt 1393-1993“
Hans Treich „Kufstein - Bayerns Glanz – Perle Tirols“
Gebhard Bendler „Wilder Kaiser“

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Das Denkmal von Dr. Matthäus Hörfarter am Fuße der Stadtpfarrkirche

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