Kufsteinerland

Schreiben in Cafès

„Lieber fehlerhaft begonnen als perfekt gezögert.“

In diesem Moment... sitzen zwei Männer und fünf Frauen mit konzentriertem Blick an einem langen Holztisch und schreiben. Sechs Stifte gleiten rasch und entschlossen übers Papier. Die Tastatur des einzigen Laptops klackert im Rhythmus der Jazzmelodie die gerade weich aus den Lautsprechern tropft.

IMG_2175

Vor der Tür rauschen Inn und Verkehr. Aus dem Nirgendwo weht uns ein Duft an, der den Magen kitzelt. Suppe? Soße? Seele? Alles fließt. In diesem Moment öffnet sich eine Tür zwischen den Welten - der sogenannten realen, in der wir sieben sitzen, und all jenen, die wir schreibend erschaffen haben.

In diesem Moment…verkünde ich das Ende der Schreibzeit. Die Autorinnen und Autoren blinzeln leicht verwirrt, als wären sie soeben aufgewacht. Oder aufgetaucht aus ihrem Meer an Gedanken und Gefühlen, ihrem Wald aus Worten und Sätzen, der vielleicht – bald? - zu einer richtigen Geschichte zusammengewachsen wäre.
Oder zu einem Roman? Einer Biografie? Wir wissen es nicht.

Aber wir spüren, was uns sieben heute an genau diesem Tisch im stimmigen Ambiente der TRÄUMEREI #8 zusammengeführt hat - pure Freude am Schreiben.

Für eine Frau ist sie eine sorgsam geheim gehaltene Liebe. Seit 40 Jahren führt sie Tagebuch und fürchtete immer, irgendwie seltsam zu sein. Hier trifft sie auf andere Langzeitschreiber.

Der junge Mann mit dem Laptop kennt solche Bedenken nicht. Er ist 17 und hat gerade heute Morgen das Drehbuch zu seinem zweiten Jugendroman beendet. Im Bus, auf dem Weg zur Schule. Aber er will noch mehr. Wissen. Schreiben. Leben.
Die Malerin hat schon einige Praxis und meint, dass Schreiben die erste und vielleicht auch letzte Kunstform ist in der sie sich kreativ ausdrücken kann. Denn Schreiben kann man immer. Blatt. Stift. Gedanke. Und schon geht’s los.
Die Lehrerin hat nach genau dieser Qualität gesucht. Lange war sie nur in der exakten Wissenschaft zu Hause und spürte doch, dass da noch etwas anderes sein muss. Nur mit einem Stift bewaffnet wagt sie sich nun in neue, emotionale Landschaften vor.

Der junge Buchhändler formuliert Sätze die einem die Tränen in die Augen treiben. Hat er sie aus den Werken in seinen Regalen gestohlen? Nein. Wer viel liest sammelt Wörter und Ideen wie sickerndes Grundwasser. Irgendwann ist der Speicher dann voll, und eine Quelle bricht sich Bahn. Sanft sprudelnd oder als wilder Geysir. Noch eine Schreibende bereichert unsere Runde: die Chronistin. In ungezählten Briefen hält sie Zeiten und Orte, Emotionen und Erkenntnisse fest, und bewahrt sie für sich und andere.

Und ich? Sitze mittendrin und bin geradezu blödsinnig glücklich. Weil alles so viel Sinn macht. Weil die sprichwörtliche Tür nach beiden Seiten offen ist: ich darf hier geben und nehmen.

Die Autoren*innen – das heißt im Wortsinn die „Selbst-Schreibenden“ - liefern Gründe warum Schreiben für sie wichtig ist. Man sollte meinen, dass ich nach 15 Jahren als Schreiblehrerin bereits alle kenne. Irrtum. Es gibt jedes Mal neue AHA-Momente.

Das ist so, weil Schreiben etwas durch und durch Lebendiges ist. Das den Ausübenden unbegreiflich viel Spaß macht. Vielleicht so ähnlich wie Paragliding oder tätowiert werden. Wer es nicht aus eigenem Erleben kennt, hat keine Ahnung wovon die anderen reden.

Schreibende können fliegen. Und landen. Können neue Identitäten annehmen oder sich unauslöschlich in die Seelen-Haut eines Anderen ritzen. Ob das auch durch Fotografieren, Malen, Tanzen gelänge?

Für mich ist die spezielle Veranstaltungs-Reihe „Schreiben in Cafés“ ein wunderbar einfacher Weg, um Menschen zum kreativen Ausdruck anzuregen. Einer, der jedem offensteht. Schließlich haben wir alle in der Schule Lesen und Schreiben gelernt. Der Trick besteht darin, nicht aufzuhören.

So trifft man sich ohne besondere Vorkenntnisse in einem besonders schönen, inspirierenden Café samt ausreichendem Nachschub an kreativitätsfördernden Getränken zu einer freien und oft sehr witzigen Schreib-Session, die etwa zweieinhalb Stunden dauert. Begegnet dort Gleichgesinnten, mit denen man sich austauschen kann. Bekommt Schreibimpulse, an die man selber nie gedacht hätte. Macht Erfahrungen mit denen man nicht gerechnet hat. Und lernt Schreibregeln, um sie anschließend wieder lustvoll zu brechen.

Die erste und wichtigste lautet: „Schreib einfach.“

0 Kommentar(e)

Mehr Kommentare
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. *Pflichtfelder