Kufsteinerland

Die Seele von Erl

Wenn ein Dorf eine Passion hat

„Die Seele von Erl“ – diese Worte musste ich einfach zum Titel dieses Beitrags machen. Er bringt für mich die Passionsspiele Erl auf den Punkt. Bezeichnet wurden sie so von ihrem musikalischen Leiter Drummond Walker. Nein, Walker ist kein Erler. Er stammt aus Schottland, ist aber zu einem Erler geworden. Als „Zuagroaster“ (Zugereister) ist er der Überzeugung, das Passionsspiel fließe in den Adern der Erler Bevölkerung. Sie kommen sozusagen schon als Passionsspieler auf die Welt und tragen es in ihrer Seele.

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Imposantes Bild - Zwei Häuser die unterschiedlicher nicht sein könnten

Begegnet man in diesem Jahr einem Erler mit langen Haaren und wildwachsendem Bart, so darf angenommen werden, dass seine Aufmachung wohl seiner Rolle bei den Passionsspielen dient. Ein ganzes Dorf im Ausnahmezustand also. Mehr als ein Drittel der rund 1.500 Einwohner wirkt bei den Passionsspielen 2019 mit. Vom Kleinkind bis ins hohe Alter und sogar ganze Familien werden Teil dieser innigen Gemeinschaft. Der Großteil als Darsteller auf der Bühne. Der Rest im Chor, im Orchester oder quasi hinter der Bühne, denn auch für Technik, Bühnenbild und Kostüme braucht es einsatzfreudige Hände. Für die Darsteller bedeutet dies, dass sie dafür nahezu ein ganzes Jahr ihrer Freizeit „opfern“.

Marias_RenateMaier_BarbaraMaier_Schauspieler_Premiere_(c) Peter Kitzbichler
Die beiden MARIAS - Renate Maier & Barbara Maier

Unter diesem Aspekt gesehen ist es gut, dass sie nur alle sechs Jahre stattfinden. Geprobt wird bereits seit November letzten Jahres. 80 Proben sind angesetzt. Gespielt wird an jedem Wochenende von Ende Mai bis Anfang Oktober. Das muss wahre Passion sein.

Erstmals gibt es heuer mehrere Doppelbesetzungen, insgesamt für neun Schlüsselrollen wie etwa Jesus, Maria oder Petrus. Die beiden Teams proben jeweils separat. Eine hochstrategische Herausforderung für den Regisseur Markus Plattner.

Laut Plattner machen die Passionsspiele einzig und allein die Menschen aus, die sie darstellen. Durch ihre Begeisterung und ihre Charaktere werden sie zu ihrer persönlichen Passion. Nur begeisterte Menschen können begeistern.

So nutzt Plattner die Euphorie und Leidenschaft für das Passionsspiel, die in jedem mitwirkendem Erler steckt. Den für die Spiele 2013 neu interpretierten und modernen Text vom Tiroler Schriftsteller Felix Mitterer will Plattner 2019 mit noch mehr Tiefe inszenieren. Zeitgemäß soll die Inszenierung sein, denn die Geschichte vom Leben, Leiden und Tod Jesu ist im Grunde aktueller denn je.

Die Spielstätte ist das markante Passionsspielhaus, in das 2013 an die 60.000 Besucher pilgerten. 1959 wurde es fertiggestellt und mittlerweile mit hochmoderner Technik ausgestattet. Unverkennbar in seiner vorne runden Form mit den vielen kleinen Fenstern gilt es fast schon als das Wahrzeichen von Erl. 1.500 Besucher passen hinein. Leider kann es nicht beheizt werden. Das würde der Holzkonstruktion schaden. Ein Wehrmutstropfen, den die Darsteller bei den Proben im Winter jedoch tapfer hinnehmen.

Mittlerweile ist auch der Regisseur selbst nach Erl gezogen. Dieses Dorf übt wohl eine ganz besondere Anziehungskraft aus. Kein Wunder, sind die Erler doch ein von Traditionen geprägtes Volk. Über 400 Jahre pflegen sie die Tradition der Passionsspiele nun schon, beginnend im Jahr 1613. Damals war das Dorf in Gefahr, die Pest und der Krieg drohte es heimzusuchen. Um vor diesen Katastrophen verschont zu bleiben, gab sich die Bevölkerung das Versprechen, die Passion Christi in regelmäßigen Abständen aufzuführen. Aus alten Überlieferungen geht hervor, dass im Jahr 1613 erstmals ein Osterspiel aufgeführt wurde. Somit gilt Erl als der älteste Passionsspielort im deutschsprachigen Raum.

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